Eberhard Gienger in Gnadental „Lieber tot als Zweiter“

Neuss-Grevenbroicher Zeitung vom 27. April 2005

Die Zeit, in der Sport noch die schönste Nebensache der Welt war, ist längst vorbei. Heutzutage ist die Leibesertüchtigung, in welcher Ausprägung auch immer, ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor. Millionenbeträge fließen für Transferzahlungen auf die und von den Konten mancher Fußballvereine, und selbst in der Politik hat man den Effekt des Sports auf die Gesundheitsförderung längst erkannt.

Trotz alledem verliert der deutsche Sport international den Anschluss. Unter der Überschrift „Olympische Spiele 20XX - Wo bleibt der Medaillennachwuchs“ referierten und diskutierten beim fünften Sportpolitischen Forum im Vereinsheim der DJK Gnadental CDU-Granden die Problematik. Eberhard Gienger MdB, ehemaliger Spitzensportler und Mitglied im Nationalen Olympischen Komitee (NOK), suchte erste Anhaltspunkte in der Geschichte. Von den Ursprüngen der Leibeserziehung spannte er den Bogen in die Gegenwart.

„Früher ist der Sport zur Schulung der Wehr- und Kampfbereitschaft eingesetzt worden“, so Gienger. Dem gegenüber stehen heute 2 500 Fitness-Studios, die einen Umsatz von drei Milliarden Euro generieren. Doch dem Schlankheits-Wahn stehen nur wenige Spitzensportler entgegen. Und: Mittlerweile treiben die Eltern Sport, während die Kleinen vor dem Computer oder der Glotze kleben. Der Ausfall an Sportstunden tut sein Übriges dazu: Er sei nicht nur eine Sünde an der Fitness, sondern habe auch Auswirkungen auf die Berufsfähigkeit potenzieller Sportler, sagte Gienger.

Ein wenig skurril geriet sein Verweis auf die ehemalige DDR, die ein System installiert gehabt hätte, „das nicht auf Zufällen“ basierte - ganz im Gegensatz zur Bundesrepublik. Weiterhin zeigte Gienger einen Trend auf, nach dem die Ansprüche von Spitzensportlern und Verbänden gesunken seien. Und er zitierte einen Ausspruch, den kürzlich der Bobfahrer Andre Lange zu ihm gesagt habe: „Lieber tot, als Zweiter.“

Deutsche Hochleistungssportler seien dagegen zunehmend verweichlicht, manchen genüge schon die Teilnahme an den Olympischen Spielen. Auch lieferte er Lösungsansätze: Die Universitäten müssten leistungsfreundlicher werden; Eltern müssten eine Vorbildfunktion übernehmen und das Ehrenamt dürfe nicht wegbrechen - diese Gefahr, so Gienger, bestehe, da die Kommunen mit 80 Prozent die finanzielle Hauptbelastung am Sportgeschehen trügen.

Dieter Welsink, der Vorsitzende des Neusser Kreissportbundes, sagte danach, „Kinder müssen lernen, mit ihrem Körper umzugehen“. Die Politik sei gefordert, Strukturen aufzubauen. Ein konkurrenzfähiger Spitzensport hat seinen Preis: 7,5 Millionen Euro, so Welsink, koste eine olympische Goldmedaille. Als letzter Redner plädierte Heinz Sahnen dafür - er war in der Funktion des Vorsitzenden der SG Erfttal anwesend - dem katastrophalen Unterrichtsausfall an Schulen beizukommen.

Von Jens Krüger