40 Jahre dipolmatische Beziehungen zwischen Deutschland und Israel Freundschaften stiften

Gastbeitrag von Hermann Gröhe MdB in der Neuß-Grevenbroicher Zeitung vom 13. Mai 2005

Hermann Gröhe sprach vor dem Bundestag zu den deutsch-israelischen Beziehungen. (Foto: NGZ)
Hermann Gröhe sprach vor dem Bundestag zu den deutsch-israelischen Beziehungen. (Foto: NGZ)

Im Bundestag wurde gestern ein gemeinsamer Antrag aller Fraktionen zum Thema „40 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Israel und Deutschland“ diskutiert. Als erster von drei Rednern der Unionsfraktion trat Hermann Gröhe aus Neuss ans Rednerpult. Für die NGZ fasste er seinen Beitrag zusammen:

.„Gilt für alle Länder mit Ausnahme Deutschlands“ - dieser Vermerk in den Pässen des 1948 gegründeten Staates Israel war angesichts der Shoah nur allzu verständlich, hatte doch das nationalsozialistische Deutschland mit dem Mord an sechs Millionen Juden in Deutschland und Europa ein einzigartiges Verbrechen begangen. Dass dennoch allmählich über die Gräber des Holocaust hinweg zwischen Deutschland und Israel Brücken gebaut werden konnten, war mit den Worten von Shimon Peres „kein Sieg des Vergessens über die Erinnerung, sondern ein Sieg der Hoffnung über die Verzweiflung. Ein Sieg des Vertrauens.“

Wesentliche Voraussetzung hierfür war, dass sich die Bundesrepublik zur Verantwortlichkeit Deutschlands für die nationalsozialistischen Verbrechen bekannt hatte. So hatte es Bundeskanzler Adenauer am 27. September 1951 vor dem Bundestag als die „vornehmste Pflicht des deutschen Volkes“ bezeichnet, im Verhältnis zum Staate Israel wie zum jüdischen Volk den „Geist wahrer Menschlichkeit wieder lebendig und fruchtbar“ werden zu lassen. Vor allem im israelischen Premierminister David Ben Gurion fand er einen Partner, der gegen Zweifel, Schmerz und Protest im eigenen Land Schritte auf Deutschland zuging. Beide großen Staatsmänner waren Visionäre und Realpolitiker zugleich: Die Annäherung an Israel erleichterte Deutschland die Rückkehr als geachtetes Mitglied in die internationale Staatengemeinschaft; Israel, das von hochgerüsteten Staaten umgeben war, erhielt dafür eine wichtige Stütze im Überlebenskampf gegen feindliche Nachbarn.

David Ben Gurions Ausspruch „Wer nicht an Wunder glaubt, der ist kein Realist“ ist Wirklichkeit geworden. Heute, auf den Tag genau 40 Jahre nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel, ist eine außerordentlich intensive Zusammenarbeit selbstverständlich. Der Jugend- und Wissenschaftsaustausch, die rund 100 Städtepartnerschaften, vielfältige kulturelle und sportliche Begegnungen oder die Arbeit der Freiwilligen von „Aktion Sühnezeichen“ und „Pax Christi“ belegen, wie sehr die Menschen beider Länder miteinander verbunden sind. Zahlreiche kirchliche Einrichtungen und Initiativen gelten dem Land, in dem Jesus lebte, lehrte und starb - und in dem das österliche Bekenntnis seiner Auferstehung seinen Ausgang nahm.

60 Jahre nach Befreiung der Konzentrationslager durch die Alliierten haben die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel auf Grund des historischen Erbes einen bleibenden besonderen Charakter. Auch diejenigen Deutschen - und dies sind heute die allermeisten -, die keine individuelle Schuld für die Nazi-Verbrechen tragen, haben die Verpflichtung, die Lehren aus dem Geschehenen zu ziehen. Einen Schlussstrich unter die nationalsozialistische Vergangenheit darf es nicht geben. Wir stehen in der Pflicht, den Kampf gegen das, was den Holocaust ermöglichte, täglich zu führen.

Auch im Hinblick auf den Nahost-Konflikt gilt es, aus historischer Verantwortung die Zukunft zu gestalten. Auf Grund unserer Geschichte wird das Bekenntnis zum Recht des Staates Israel, in sicheren Grenzen existieren zu können, immer unverrückbare Grundposition deutscher Außenpolitik bleiben. Deshalb setzt sich Deutschland gemeinsam mit seinen Partnern für die Überwindung des Nahost-Konfliktes im Rahmen der „Road Map“ ein. Ziel ist die Existenz zweier lebensfähiger Staaten, Israel und Palästina, Seite an Seite in Frieden und Sicherheit.

Leider wird Israel in der Öffentlichkeit zuweilen ausschließlich im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt wahrgenommen. Israel ist jedoch weit mehr: Es ist das einzige Land im Nahen Osten, das zur politischen Kultur des Westens gehört, sich zu Menschenrechten und Demokratie bekennt. Eine lebhaft diskutierende Zivilgesellschaft, freie Medien und eine unabhängige Justiz kritisieren zum Teil massiv beispielsweise das Vorgehen israelischer Sicherheitskräfte, das ja mitunter auch guten Freunden Israels zu schaffen macht. Israel ist ein Land, das durch die Entwicklung zum High-Tech-Standort dem Traum Ben Gurions, „die Wüsten zum Blühen zu bringen“, gefolgt ist. Es ist ein Land, dessen vielfältigen zivilisatorischen Leistungen in der Wiedergeburt der hebräischen Sprache ihren besonderen Ausdruck finden.

Es gibt und bleibt also viel zu entdecken an und in Israel. Daher muss es vor allem gelingen, junge Deutsche für einen Aufenthalt in Israel, aber auch umgekehrt junge Israelis für einen Aufenthalt in Deutschland zu gewinnen. Anzeichen für „Ermüdungserscheinungen“ in diesem Bereich müssen ernst genommen werden und Anlass für vermehrte Anstrengungen sein. Vom Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch werden Israelis und Deutsche nicht nur im Zeitalter der Globalisierung profitieren.

Persönlichen Begegnungen helfen vielmehr auch, Vorurteile abzubauen; ja, sie können Freundschaften stiften. Ihren Willen, an einer weiteren Vertiefung der deutsch-israelischen Zusammenarbeit mitzuwirken, bekundeten die Parteien im Deutschen Bundestag in einem gemeinsamen Beschluss vom gestrigen Tag.


Die vollständige Rede von Hermann Gröhe: http://www.hermann-groehe.de/aktuelles/show.php?id=602