Katherina Reiche in Neuss „Die Zukunft nicht verspielen“

Neuss-Grevenbroicher Zeitung vom 11. Februar 2005

Es sind Unternehmen wie Focus Clinical Drug Development, ein Spezialist, wenn es um die Erprobung neuer Medikamente geht, die den Ruf der Stadt Neuss als Standort für die Medizin- und Biomedizinbranche ausmachen. Kein Wunder, dass solche Unternehmen auf dem Besuchsprogramm stehen, wenn mit Katherina Reiche die Vorsitzende der Arbeitsgruppe Bildung und Forschung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Rhein-Kreis zu Gast ist. Die zeigte sich beeindruckt - von der unternehmerischen Leistung, aber auch von der fachlichen Kompetenz, mit der Geschäftsführer Dr. Wolfgang Greb auf Probleme mit der jüngsten Novelle des Arzneimittelgesetzes hinwies.

Reiche will Greb dafür gewinnen, seine Erfahrungen in ein Expertengremium in Berlin einzubringen: „Die Genehmigung einer medizinische Testreihe dauert in Deutschland doppelt so lange wie in unseren Nachbarländern.“ Unter der Verantwortung der rot-grünen Bundesregierung werde Deutschland einmal mehr seinem Ruf gerecht, alles bis ins letzte Detail zu regeln -mit der Folge von erheblichen Wettbewerbsnachteilen für die deutsche Wirtschaft. „Wir waren einmal die Apotheke der Welt, aber das ist vorbei“, sagt die 31 Jahre alte Potsdamerin, die seit 1998 im Bundestag sitzt und vor der Bundestagswahl als Familienexpertin in Edmund Stoibers „Kompetenzteam“ Schlagzeilen machte.

Doch nicht nur ein Übermaß an Bürokratie, auch ein Mangel an Innovationsfähigkeit schwäche die deutsche Wirtschaft: „Unsere Innovationskraft beschränkt sich zu sehr auf etablierte Technologien. Wissen in den kommenden Spitzentechnologien jedoch wird importiert, damit verliert der Standort Deutschland auf lange Sicht an Gewicht.“ Ein Beispiel der Diplom-Chemikerin: die Atomenergie. Zwar müssten nicht direkt neue Atomkraftwerke gebaut werden, aber eine 80 Millionen-Nation wie Deutschland könne es sich nicht erlauben, die Kompetenz in einem so wichtigen Forschungs- und Industriebereich zu verschenken. „Bislang waren wir zum Beispiel in der Sicherheitstechnik für Kernkraftanlagen weltweit führend - damit ist es vorbei, wenn die Forschung auf Null gesetzt wird.“

Einen ganz anderen Baustein, der dazu beiträgt, Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, regional in Neuss, als Modell betrachtet jedoch auch bundesweit, ist die Internationale Schule am Rhein (ISR) - gestern nach Gesprächen mit Hermann Gröhe MdB, Heinz Sahnen MdL, Karl Kress MdL , Lutz Lienenkämper, Vorsitzender der CDU-Kreistagsfraktion und Dr. Jörg Geerlings, stellvertretender CDU-Vorsitzender in Neuss, die zweite Station im Besuchsprogramm von Katherina Reiche. Im Gespräch mit ISR-Geschäftsführer Thomas Uhling und Wilhelm Werhahn, als Präsident der Industrie- und Handelskammer Mittlerer Niederrhein sowie Neusser Unternehmer einer der Initiatoren der Schule, informierte sich die CDU-Politikerin über das pädagogische Konzept und die Funktion der ISR als Standortfaktor.

Mit Blick auf das System der öffentlichen Schulen in Deutschland fordert Katherina Reiche vor allem effiziente Kontrollen festgelegter Bildungsstandards. Von Modellen, die auf dem Gesamtschulkonzept beruhen, hält die Bundestagsabgeordnete hingegen wenig: „Der ganze Schub, den es von der PISA-Studie I zur PISA-Studie II gegeben hat, ist den Gymnasien zu verdanken.“ Damit Deutschland in Sachen Bildung wieder Weltspitze werde, gelte es jedoch bereits vor dem Eintritt in die Schule anzusetzen: „Die Kindergärten müssen zumindest im letzten Kindergartenjahr verstärkt Vorschul-Aufgaben übernehmen.“ Dabei müsse vor allem das Sprachtraining im Mittelpunkt stehen.