Anfang vom Wiederaufstieg

Neuß-Grevenbroicher Zeitung vom 31. Mai 2005

Seit gestern ist Angela Merkel Kanzlerkandidatin der Union. Zu den ersten Gratulanten zählte Willy Wimmer. Vom fernen Niederrhein aus organisierte der Bundestagsabgeordnete aus Jüchen, dass wenige Minuten nachdem die erwartete Antwort auf die K-Frage öffentlich wurde, ein großer Blumenstrauß seinen Weg ins Büro der CDU-Vorsitzenden fand: „Merkel steht für Leistung, kluge Gestaltung, Mut und Offenheit.“ Für den altgedienten Politprofi Wimmer rundete sich gestern der Wiederaufstieg der Angela Merkel, der vor über drei Jahren am Niederrhein seinen Anfang genommen hatte.

Rückblende. Ronald Pofalla MdB, Vorsitzender der CDU-Niederrhein, und sein Vorgänger Willy Wimmer setzten bereits 2002 auf Angela Merkel. Das Niederrhein-Duo plante die CDU-Chefin als Kanzlerkandidatin vorzuschlagen. Das sollte auf einer Veranstaltung im Krefelder Bayer-Casino in Anwesenheit von Angela Merkel geschehen. Doch die Ereignisse überschlugen sich damals: Kurz zuvor war Merkel nach Wolfratshausen geflogen, um Edmund Stoiber die Kandidatur anzutragen. „So wurde erst jetzt in Berlin umgesetzt“, sagt Wimmer, „was in Krefeld angefangen hat.“ Darüber freue er sich und er sei sich sicher, „dass die CDU-Mitglieder am Niederrhein die Entscheidung bejubeln.“

Die ganze Bedeutung der Entscheidung, mit der Kanzlerkandidatin Angela Merkel in die Bundestagswahlen zu ziehen, könne nur der erfassen, der die Ereignisse auch in seiner historischen Dimension einordne. Mit Angela Merkel besitze nicht nur erstmals eine Frau gute Chancen, ins Kanzleramt einzuziehen: „Wir Niederrheiner haben früh den Steg gebaut, auf dem diese couragierte Frau aus Mecklenburg-Vorpommern heute geht.“ Erstmals stammt ein Kanzlerkandidat aus Ostdeutschland.

„Welchen Weg hätte die Wiedervereinigung genommen, wenn nicht der Niederrhein gewesen wäre?“, fragt Willy Wimmer. Wimmer selbst war es, der Ende Januar 1990 die Türen öffnete, die zur Verschmelzung von CDU-Ost und Bundes-CDU führte. Der Durchbruch gelang in einer stundenlangen Verhandlung im NGZ-Pressehaus an der Moselstraße. Wimmer, damals Vorsitzender der CDU-Niederrhein und Staatssekretär im Verteidigungsministerium, war der Unterhändler. Sein Gesprächspartner Lothar de Maizière, der wenige Wochen später mit der „Allianz für Deutschland“ die ersten freien Wahlen in der DDR gewann. Auch an diese Weichenstellungen erinnerte Willy Wimmer gestern im Gespräch mit der NGZ: „So erbringt die Entscheidung vom Montag auch den Nachweis, dass wir hier am Niederrhein vorausschauend eine kluge Strategie entwickelt hatten.“

Von Ludger Baten